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Interview mit Dr. Marianne Rauwald: Flucht und Trauma in der Psychotherapie

Immer häufiger kommen Geflüchtete in Psychotherapie und erhoffen sich Unterstützung bei der Bewältigung von Fluchterfahrungen und Traumata. Wir sprechen mit unserer Expertin Dr. Marianne Rauwald, die uns Einblicke in die Bedürfnisse und Besonderheiten der Behandlung geflüchteter Patient:innen gibt.

Im Mai 2022 meldete die UN erstmals mehr als 100 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht waren. Viele fliehen vor Krieg, Terror, Menschenrechtsverletzungen und Naturkatastrophen und bringen in die Fremde mitunter gravierende traumatische Erfahrungen mit. Was sind die dringendsten Bedürfnisse dieser Menschen hinsichtlich ihrer psychischen Gesundheit und welche Art von Unterstützung können Psychotherapeut:innen diesen Geflüchteten geben?

Dr. Marianne Rauwald: Menschen, die vor Krieg, Terror und Menschrechtsverletzungen in die Fremde fliehen mussten, sind vollständig aus ihrem Leben herausgefallen. Sie haben keine Struktur, keine innere Sicherheit und auch keine Zukunftsvorstellung mehr. Diese Menschen brauchen zu aller erst eine sichere und geordnete Umgebung. Einen Ort, wo sie sich sicher fühlen können und wo eine Zukunft wieder denkbar wird. Erst dann können ein Einhalten und Ankommen bei sich selbst wieder möglich werden. Wir Psychotherapeut:innen können einen Raum anbieten, wo sich Menschen in ihrem Erleben gesehen und verstanden fühlen. Sie finden hier in ihrer speziellen Situation Anerkennung für das, was ihnen passiert ist und die Unterstützung und Hilfen, um mit dieser Situation umzugehen. Das beinhaltet zum einen Psychoedukation – also zu verstehen, warum es mir geht, wie es mir geht – und zum anderen die Möglichkeit, etwas zu verbessern.

Wie unterscheidet sich aus Ihrer Erfahrung die psychische Versorgung von Geflüchteten von der Versorgung anderer Patient:innen?

Dr. Marianne Rauwald: Es gibt schon besondere und gewichtige Unterschiede. Zunächst einmal ist die gesamte Situation eine andere: Patient:innen aus Deutschland haben in der Regel eine geordnete Umgebung, eine Wohnung, einen Beruf, Familie und soziale Kontakte, sie sind eingebettet in ein soziales System, auch wenn diese Systeme an manchen Stellen nicht perfekt sind. Geflüchtete haben genau das nicht, sie haben keinen Rahmen, der Sicherheit ermöglicht. Hinzu kommt, dass Geflüchtete oft keine Krankenkassenkarte haben – auch das macht eine adäquate Versorgung schwierig. Außerdem gibt es sprachliche Hürden: Wir können die Menschen nicht in ihrer Heimatsprache verstehen, es gibt keine gemeinsame Sprache und wir brauchen in der Behandlung eine:n Sprachmittler:in, um einander überhaupt verstehen zu können. Das sind nur ein paar Beispiele.

In Ihrem Behandlungsansatz messen Sie einer beziehungsfokussierten Haltung in der Arbeit mit Geflüchteten eine besondere Bedeutung bei. Worin zeichnet sich diese aus?

Dr. Marianne Rauwald: Ich sehe den Menschen als Ganzes, nicht nur die Symptome, unter denen er leidet. Natürlich sind die Symptome relevant, aber ich versuche zu verstehen, was der Mensch mit den Symptomen ausdrückt, was im Hintergrund steht und mit der ganzen Persönlichkeit und der Lebensgeschichte der Klient:innen zusammenhängt. Die beziehungsfokussierte Arbeit besteht darin, Menschen in ihrer Persönlichkeit und ihrer Entwicklung zu verstehen. Das ist im Kontext von Trauma besonders wichtig, weil ein Trauma immer auch eine Attacke auf die innere Welt der Betroffenen darstellt. All das, was uns von Innen stabilisiert – unsere Beziehungen und Bindungen zu den in der Psyche repräsentierten guten und inneren Objekten, die für uns einmal hilfreich und wichtig waren – all das wird durch die traumatische Erfahrung angegriffen und mitunter geradezu zerstört. Deshalb leiden Menschen unter einem großen Vertrauensverlust und dieser Verlust kann nur durch neue vertrauensvolle Erfahrungen geheilt werden, eben auch in der Therapie.

Als Angehörige eines helfenden Berufs suchen Psychotherapeut:innen oft nach Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten einzusetzen, um bei großen Krisen und Katastrophen zu helfen. Nicht jede:r Psycholog:in fühlt sich aber dafür ausreichend gerüstet. Was raten Sie als Expertin Psychotherapeut:innen (in Ausbildung), die wirklich etwas tun wollen, aber nicht wissen, wie sie vorgehen sollen?

Dr. Marianne Rauwald: Zunächst einmal glaube ich, wenn man wirklich etwas tun will, dann ist das schon sehr positiv und verdient Anerkennung. In der Arbeit mit anderen Kulturen und Menschen mit anderen Sprachen braucht es viel Neugierde, Offenheit und immer auch Selbstreflektion. Und was die Arbeit mit schwer Traumatisierten anbelangt: Diese Arbeit stellt eine eigene Belastung dar. Deshalb dürfen engagierte Psychotherapeut:innen auch die Selbstfürsorge nicht aus dem Blick verlieren.

Vielen Dank, Frau Rauwald, für diesen spannenden Einblick in die Psychotherapie bei Flucht und Trauma.

 

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Die Expertin

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Dr. Marianne Rauwald ist Psychologin und Psychoanalytikerin (DPV). Ihre Arbeitsschwerpunkte sind die transgenerationale Weitergabe von Traumata, Trauma im Kontext von Migration und Flucht sowie die Arbeit in interkulturellen Kontexten. Sie selbst war im Rahmen von Weiterbildungen unter anderem in Afrika, China und Irak tätig. Die therapeutische Arbeit mit Klient:innen, die aus ihrem Heimatland fliehen mussten, etwa aus Afghanistan, Myanmar und aktuell der Ukraine, steht seit längerer Zeit im Fokus ihrer Arbeit. Sie ist Herausgeberin des Buches »Vererbte Wunden« (2. Auflage) erschienen beim Beltz-Verlag (ISBN: 978-3-621-28756-2).

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