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Problematische Mediennutzung bei Kindern- und Jugendlichen – Was ist zu beachten?

»Wie lange darf mein Kind am Bildschirm sitzen?« fragen Eltern häufig, umso mehr, wie es scheint, seit diverse COVID-19-Maßnahmen unseren Alltag der letzten zwei Jahre bestimmen. Lockdowns, Quarantäne, Social Distancing und Fernunterricht bedeuten nicht nur für das Schulleben, sondern auch für die Freizeitgestaltung und das soziale Miteinander von Kindern und Jugendlichen eine Zäsur. Angesichts dessen ist es wenig verwunderlich, dass auf digitale Technologien zurückgegriffen wird, um am Unterricht teilzunehmen, mit Gleichaltrigen in Kontakt zu bleiben oder einfach nur um Spaß zu haben. Zugleich können neue Medien Risiken bergen und es gibt Hinweise darauf, dass deren problematische Nutzung seit Beginn der COVID-19-Krise zugenommen hat. Was das genau bedeutet und was in der Praxis zu beachten ist, erfahren Sie hier. 

Ab wann ist Mediennutzung problematisch? 

Zunächst ist es wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, was digitale Technologien (auch) sind: ein nützliches, inzwischen unentbehrliches Mittel, um den Alltag zu meistern. So verwenden wir neue Medien, um uns zu informieren, zu orientieren und zu organisieren, aber auch um uns mit Anderen auszutauschen, mit ihnen zu spielen und gemeinsam Spaß zu haben. Kurz gesagt: Der verantwortungsbewusste Umgang mit digitalen Medien kann, wie Lesen, Schreiben und Rechnen, zunächst wertfrei als Kulturtechnik verstanden werden.

Wenn also ein Kind den ganzen Tag am PC sitzt, wird es möglicherweise im Fernunterricht sein oder seine Hausaufgaben online erledigen. Oder wenn ein Jugendlicher in Quarantäne stundenlang online spielt, wird er damit die vielleicht einzige Möglichkeit wahrnehmen, Zeit mit seinen Freunden zu verbringen. Dass lange Bildschirmzeiten per se schlecht sind, lässt sich somit nicht pauschal sagen. Entsprechend hat auch die UNICEF während des ersten Lockdowns 2020 Eltern dazu aufgerufen, ihre Vorurteile abzulegen und stattdessen die Vorteile neuer Medien zu nützen.

»Ist mein Kind Smartphone-süchtig?« wird in der Beratung ebenfalls gerne gefragt. Dabei ist es wenig hilfreich, zu fragen, ob jemand von einer bestimmten technologischen Hardware (Smartphone, Tablet) abhängig ist. Genauso wie bei einer Person mit Alkoholabhängigkeit niemand auf die Idee käme, zu sagen, dass sie nach der Flasche süchtig ist, ist vielmehr die »Software«, also der Inhalt und wie dieser verwendet wird, ausschlaggebend. Die Frage könnte daher lauten: »Ist mein Kind von sozialen Medien abhängig?« oder »Ist mein Kind von Onlinespielen abhängig?«.

Für die Praxis relevant ist, dass bislang nur eine einzige Technik-assoziierte Sucht gemäß dem neuen ICD-11 diagnostiziert werden kann, nämlich die Computerspielabhängigkeit. Die Kriterien für diese Störung sind dann erfüllt, wenn ein Kind nicht mehr aufhören kann zu spielen, obwohl es das möchte, wenn keine andere Aktivität mehr unternommen wird und wenn das Spielen fortgesetzt wird, obwohl negative Konsequenzen, wie z.B. Schlafstörungen oder Leistungsabfall in der Schule, auftreten.

Henne oder Ei?

Unklar ist weiterhin, ob die Ursache für eine problematische Nutzung möglicherweise in einer zugrunde liegenden Störung, wie z.B. Angststörung oder Depression, liegt, oder ob vielmehr die problematische Nutzung die Entstehung psychischer Störungen begünstigt.

Digitale Medien können dazu dienen, Stress abzubauen, Einsamkeit zu reduzieren oder von negativen Gefühlen abzulenken. Als solches kann eine verstärkte Nutzung auch einfach als Coping-Strategie verstanden werden. Vor allem angesichts der COVID-19-Krise stellt das eine zunächst adaptive Reaktion auf die zusätzliche Belastung dar. Im besten Fall kann eine exzessive Mediennutzung also helfen, mit depressiven Gefühlen klarzukommen oder Angstzustände zu überwinden, im ungünstigsten Fall kann sie aber dazu führen, dass Isolation, Einsamkeit und Niedergeschlagenheit verstärkt werden.

Wesentlich ist daher eine ausführliche Anamnese (»Was war zuerst da?“) und (Differenzial-)Diagnostik. Insbesondere in Ausnahmesituationen und Krisen sollte in der Beratung von besorgten Eltern Verständnis für den vermehrten Bedarf an Mediennutzung geschaffen werden. Um mit dem Kind ins Gespräch über seine Nutzungsgewohnheiten zu kommen, ist außerdem eine vorurteilsfreie, offene, interessierte Haltung zentral: Wenn die Eltern oder Sie als Therapeut bzw. Therapeutin eine App, ein Spiel, ein soziales Netzwerk nicht kennen, ist es keine Schande, sein eigenes Unwissen einzugestehen und sich die Funktionsweise vom Kind erklären zu lassen. Ein gemeinsames Ausprobieren zeugt von Anteilnahme und kann eine erste Basis für ein ausgewogenes Gespräch über neue Medien, ihren Nutzen und ihre Risiken bieten.

Tipps für die Arbeit mit Eltern

Wenn besorgte Eltern in die Beratung oder Therapie kommen, empfiehlt es sich:
• mit den Eltern das eigene Nutzungsverhalten zu hinterfragen (Verwenden die Eltern selbst gewisse Medien exzessiv?),
• die Vorurteile gegenüber neuen Medien zu erfragen und zu relativieren,
• für eine vorurteilsfreie, offene, neugierige Haltung gegenüber der Mediennutzung der Kinder zu werben,
• zu animieren, sich unbekannte Technologien vom Kind bzw. Jugendlichen erklären lassen, und
• sich mit grundlegenden Aspekten neuer Medien vertraut zu machen (z.B. Datenschutz).

Tipps für die Arbeit mit den Kindern/Jugendlichen

In der therapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sollte
• eine differenzierte Bedingungsanalyse des Nutzungsverhaltens vorgenommen werden (Primär- vs. Sekundärstörung),
• den kontextuellen Faktoren (Belastungen) bei der Beurteilung des Verhaltens ein besonderes Augenmerk zukommen,
• erarbeitet werden was konkret genutzt wird (und nicht nur wie lange),
• den Ressourcen neuer Medien spezielle Beachtung geschenkt und ein Transfer zu offline Alternativen gesucht werden.

Mag. Dr. Anna Felnhofer

Die Autorin Anna Felnhofer arbeitet als Wissenschaftlerin und Klinische Psychologin an der Pädiatrischen Psychosomatik der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Medizinische Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Themenbereich der neuen Medien mit einem speziellen Fokus auf Virtuelle Realitäten. Bei Beltz hat sie den Therapie-Tools Band » Problematische Mediennutzung im Kindes- und Jugendalter« veröffentlicht

Literatur
 
Therapie-Tools Problematische Mediennutzung im Kindes- und Jugendalter, E-Book-ISBN 978-3-621-28781-4

 

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