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Wie Virtual Reality zukünftig die Psychotherapie beeinflussen wird

»Wie er mich anschaut! Er meint genau mich, er sieht mich!« Andrea trägt eine Virtual Reality-Brille. Darin erlebt sie eine virtuelle Prüfungssituation. Der Prüfer schaut sie mit festem Blick an, legt seine Stirn in Falten und schüttelt leicht den Kopf. Sie weicht zurück, macht eine abwehrende Handbewegung. Schließlich reißt sie sich die Brille vom Kopf. »Das ist mir zu realistisch, ich kann das nicht!«

Andreas Reaktion erscheint erstaunlich heftig, ist aber durchaus typisch – obwohl der Prüfer nur aus Bits und Bytes besteht. Es liegt nahe, eine Technologie, die so leicht emotionale Reaktionen auslösen kann, auch in der Psychotherapie einzusetzen. Forschende beschäftigt der Einsatz virtueller Realität in der Psychotherapie bereits seit Ende der 1990er-Jahre und wissenschaftliche Studien belegen: Virtuelle Realität löst leicht echte Emotionen, wie Angst, aus und virtuelle Expositionssitzungen sind (mindestens) genauso wirksam und nachhaltig wie Expositionen in vivo. Entscheidend für den Therapieerfolg ist dabei: Die virtuelle Umgebung gibt die relevanten Merkmale des angstauslösenden Reizes  wieder, also z.B. den Eindruck von Tiefe bei Höhenangst. Entsprechend empfiehlt sogar die S3 Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen (2021),  Virtual Reality als begleitendes Therapiewerkzeug bei der Behandlung spezifischer Phobien einzusetzen.

Womit haben wir es hier technologisch zu tun? Virtual Reality steht für eine computergenerierte, interaktive Umgebung, die wir als scheinbare Wirklichkeit wahrnehmen. Im Gegensatz dazu ist Augmented Reality eine Mischung aus der virtuellen und physischen Realität. Das geschieht bspw. über eine App, die auf dem Bildschirm die »echte« Realität um virtuelle Realität erweitert, d.h. zusätzliche Elemente einblendet (Beispiel: Pokémon Go).

Wie Virtual Reality die psychotherapeutische Behandlung sinnvoll ergänzt 

Virtual Reality ermöglicht es, in der psychotherapeutischen Praxis realistische Situationen auf Knopfdruck herzustellen – und zwar genau so, wie sie gerade gebraucht werden: Autofahren bei  Regen, durch Tunnel, in der Dunkelheit, auf der Autobahn, im Stau oder als Beifahrer:in. Das spart im Therapiealltag wertvolle Vorbereitungszeit bzw. ermöglicht Expositionen, die sonst gar nicht möglich wären, wie z.B. bei Flugangst. Eine Virtual Reality-Brille schafft ein 360°-Sichtfeld und einen 3D-Eindruck. Dadurch tauchen Patient:innen schnell in die virtuelle Umgebung ein: Sie fühlen sich, als ob sie tatsächlich vor Ort wären.

VR Situation: Auto fährt auf Tunnel zu

Virtuelle Therapieszenarien können damit die Rolle eines wirksamen Werkzeugs einnehmen und füllen als Mittelweg zwischen der Vorstellung und dem echten Erleben Lücken in der Angsthierarchie. Sie können als Zwischenschritt und Vorbereitung für die Exposition in vivo fungieren. Für die Therapeut:innen sind die Abläufe genau planbar und entscheidende Szenen und Abläufe können beliebig oft wiederholt und graduell gesteigert werden – ein entscheidender Vorteil! 

Virtual Reality ist dabei nicht gleich Virtual Reality. Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Systeme und Funktionen. Um Therapiestunden optimal zu unterstützen, sind nach meiner Erfahrung vergleichsweise einfache technische Lösungen optimal: Sie sind ausreichend wirksam, um echte Angst auszulösen und Habituation zu erzeugen, einfach zu bedienen, schnell einzusetzen und die Hardware (die VR-Brillen) ist einfach sauber zu halten. »Lohnt sich denn die Anschaffung einer VR-Brille für meine Praxis?« – eine häufig gestellte Frage, die sich letztlich aus dem Blickwinkel der Anwendungsmöglichkeiten im Einzelfall beantworten lässt. 

5 Anwendungsmöglichkeiten von virtueller Realität in der Psychotherapie

  1. Virtuelle Expositionen bei spezifischen Phobien: Am häufigsten kommt Virtual Reality in der Praxis bei Expositionen zum Einsatz. Als besonders wirksam hat sich die VR-Brille bei Flugangst, Höhenangst, Spinnenphobie, Spezifischen Phobien  und Sozialen Phobien erwiesen. Vor allem Situationen, die in der Praxis aufwändig herzustellen oder sogar gefährlich sein können (wie z.B. eine rasante Autobahnfahrt), lassen sich virtuell leicht und kontrolliert herstellen.
  2. Imaginative Entspannungsverfahren mit Virtual Reality unterstützen: Bei Patient:innen, die kein ausgeprägtes Vorstellungsvermögen haben, sich nur schwer konzentrieren und/oder entspannen können oder bspw. unter Intrusionen leiden, bewirken wortgeleitete Anleitungen oft wenig. Virtuelle Realitäten liefern hier unterstützende Umgebungen, die das Eintauchen erleichtern. 
  3. Virtual Reality für Suchtpatient:innen nutzen: In der virtuellen Realität lassen sich auch Situationen herstellen, die die Verlockung eines Suchtmittels simulieren – wie z.B. eine gemütliche Kneipensituation, die bei einem trockenen Alkoholiker starkes Craving und körperliche Reaktionen (wie Schwitzen) hervorbringen kann. Eine VR-Brille kann maßgeblich helfen, den Umgang mit potenziellen Rückfallsituationen zu simulieren und zu üben.
  4. Fokussierungs-, Konzentrations- und Achtsamkeitsübungen für Kinder und Jugendliche: Gerade bei jungen Patient:innen weckt die VR-Brille große Motivation, Interesse und Neugierde. Für Kinder ab etwa 10 Jahren lassen sich virtuelle Umgebungen mit sparsamen und gezielten Reizen sehr gut für Konzentrations- und Achtsamkeitsübungen nutzen und unterschiedliche Wahrnehmungskanäle ansprechen. Zum Einstieg in die Stunde erleichtern z.B. virtuelle Alpakas oder Meerschweinchen das Gefühl von »Ruhe« und »Ankommen« oder bieten eine willkommene Belohnung zum Abschluss einer anstrengenden Stunde. Auch die beliebten Kapitän-Nemo-Geschichten lassen sich wirkungsvoll mit virtuellen Unterwasser-Szenen begleiten.
  5. Virtuelle Reize bei Zwangsstörungen: Auch Zwangspatient:innen können mithilfe einer VR-Brille in angstbesetzte Situationen eintauchen, die im Alltag Zwangshandlungen auslösen würden. Virtuell können schnell und einfach Umgebungen, wie verschmutzte Toiletten, Unordnung oder Ähnliches, in verschiedenen Schwierigkeitsstufen hergestellt und damit an die individuellen Bedürfnisse der Patient:innen angepasst werden.


Das brauchen Sie, wenn Sie Virtual Reality in Ihrer Therapiepraxis nutzen möchten

Virtual Reality in der psychotherapeutischen Praxis einzusetzen erfordert, sich mit der Technik vertraut zu machen und die Grundlagen der Forschung und Praxisanwendung kennenzulernen. Dafür braucht es einerseits die erforderliche Hardware (z.B. VR-Brillen) und Software (virtuelle Umgebungen) und andererseits etwas Freude und Offenheit für neue technische Tools. Denn auch wenn sich »Virtual Reality« erst einmal nach ziemlich viel Hightech anhört, bedarf es keiner großen technischen Vorkenntnisse, um diese erfolgreich in der Therapiepraxis zu nutzen. Auch wenn Sie vorher nie eine VR-Brille genutzt haben, können Sie in einem halben Tag alles lernen, was Sie wissen müssen.

Virtual Reality-Hardware für die psychotherapeutische Praxis

Möchte man virtuelle Realität in der Therapie ausprobieren, so kann man bereits mit dem eigenen Smartphone und einer einfachen Brille ab 30 Euro starten. Ich habe über 300 Psychotherapeut:innen in die Arbeit mit VR begleitet und über die Hälfte haben so angefangen. Einige arbeiten bis heute so und sind damit sehr zufrieden. Wer langfristig Virtual Reality nutzen und Wert auf eine optimale Wiedergabequalität legt, dem sei eine autarke VR-Brille, die Sie ab 400,- Euro bekommen, empfohlen. Zur Nutzung einiger VR-Systeme ist zusätzlich ein leistungsstarker PC notwendig, für andere benötigen Sie eine stabile WLAN-Verbindung. 

Virtuelle Umgebungen speziell für die Psychotherapie

Einerseits können auf YouTube 360 passende kostenlose VR-Videos für Patient:innen gesucht werden. Die Recherche ist aber je nach Thema mehr oder weniger erfolgreich. Wenn Sie eine speziell konzipierte Virtual Reality-Mediathek für die Psychotherapie nutzen, werden Sie schneller fündig und können Lücken in der Angsthierarchie abgestuft mit virtuellen Umgebungen überbrücken. Die meisten VR-Lösungen für die Psychotherapie werden als Abo-Modell angeboten, bei dem Sie auf ein wachsendes Repertoire an Inhalten zugreifen können. Im Monat investieren Sie dafür etwa 65 bis 200 Euro. Es gibt auch Anwendungen, die komplett von der Krankenkasse bezahlt werden. Hier ist der Einsatz allerdings auf ganz bestimmte Diagnosen und Patient:innengruppen beschränkt.

Virtual Reality einzusetzen bringt folgende Vorteile

  • Erfolgsergebnisse ohne Vorbereitungsaufwand: Sie nutzen Ihre wertvolle Arbeitszeit dort, wo sie gebraucht wird: mit Ihren Patient:innen. Anstatt Ihre Zeit mit Recherche, Vorbereitung und Anreise zu verbringen, entlasten Sie sich organisatorisch und können direkt und gezielt mit den Situationen arbeiten, die Sie brauchen.
  • Unabhängigkeit von äußeren Faktoren: Sie können praktische Übungen mit Patient:innen durchführen – ungeachtet äußerer Umstände und davon, ob Übungen draußen möglich sind oder nicht.
  • Geringere Hemmschwelle: Gerade sehr ängstliche Patient:innen lassen sich mit Virtual Reality einfacher zur Konfrontation motivieren. Das Angebot der VR-Brille ist auch darüber hinaus ein hervorragender »Eisbrecher«, allen voran bei jüngeren Patient:innen.
  • Unterstützung in der Diagnostik: Virtual Reality erleichtert die Problemaktualisierung erheblich und macht emotionale Reaktionen direkt erlebbar.
  • Sie machen Patient:innen neugierig und bilden ihre Lebenswelt ab: Das Angebot für den Bereich Psychotherapie und mentale Gesundheit ist eines der am stärksten entwickelten Segmente im Bereich der digitalen Gesundheitsversorgung. Entsprechende Angebot werden von Patient:innen erfahrungsgemäß sehr gut angenommen: Sie bilden die Lebenswirklichkeit der Gesellschaft ab und machen neugierig.

 

So setzen Sie Virtual Reality in der Praxis ein – Webinar

Virtual Reality lässt sich mit vielen Worten beschreiben, aber das kann die eigene Erfahrung nicht ersetzen. Wenn Sie mehr darüber erfahren wollen, wie Sie Virtual Reality in Ihrer Praxis einsetzen und selbst erleben können, melden Sie sich zum Webinar »Leichter durch die Angst mit Virtual Reality – Expositionen mit virtuellen Therapie-Szenarien« am 16. November an:

https://psychotherapie.tools/webinare/epple-virtuelle-therapie-szenarien-vortrag-16.11.2022

Terminankündigung Webinar Virtual Reality

Die Autorin

Portrait Carola Epple

© Marion Hassold

Carola Epple ist Medienwissenschaftlerin und Expertin für Virtual Reality-Anwendungen in der Psychotherapie. An der TU München hat sie zur emotionalen Aktivierung von Virtual Reality geforscht. Im Anschluss daran gründete sie mit der Lab E GmbH ihr eigenes Unternehmen: Mit Virtual Reality unterstützt sie Psychotherapeut:innen dabei, ihre Patient:innen leichter durch die Angst zu begleiten.

 

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