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Ein schwieriger Start – die Kunst des psychotherapeutischen Erstkontakts

Erschwert werden psychotherapeutische Erstkontakte nicht selten dadurch, dass nicht alle unserer Patient:innen in freudiger Erwartung auf das, was die Psychotherapie an Unterstützungsmöglichkeiten zu bieten hat, zu uns kommen. Einige sind reserviert, misstrauisch, fühlen sich fehl am Platz – dies jedoch nicht aus Bösartigkeit, sondern aufgrund ihrer Leidensgeschichte oder von Missverständnissen. Erfahren Sie in unserer Leseprobe mehr über zwei häufige Komplikationstypen, die Ihnen bei der Therapie von Patien:innen mit Somatoformen Störungen zu Beginn begegnen können.

Mögliche Komplikationen im Erstkontakt und Tipps zum Umgang bei somatoformen Störungen [Ein Auszug]

Viele Menschen mit somatoformen Störungen haben eine Vorgeschichte hinter sich, die es Ihnen als Therapeut erschweren könnte, einfach so »loszulegen«, wie Sie es gewohnt sind. Das scheinbare Paradox, körperlich zu leiden, aber nicht körperlich »krank« zu sein, führt bei vielen Patienten zu Frustration und langer »Krankheitskarriere«, bevor sie sich an Sie als Psychotherapeuten wenden. Mit den folgenden Komplikationstypen können Sie des Öfteren rechnen.

Der arztmüde Patient: »Sie können mir auch nicht helfen.«

Phänomen. Diese Menschen haben in der Regel Hunderte von Stunden wartend in Arztpraxen gesessen, verschiedenste Medikamente ausprobiert, zigmal von Medizinern Sätze wie »Jetzt weiß ich auch nicht mehr, was ich Ihnen noch raten soll« gehört, erfolglos zahllose Ratschläge von Bekannten ausprobiert und vielleicht sogar drei bis fünfstellige Summen für nicht-evidenzbasierte heilpraktische Behandlungsversuche ausgegeben.

Erklärung. Nach all diesen Erfahrungen sitzen die Betroffenen dann Ihnen als x-tem Fachmenschen gegenüber. Die Patienten wissen nicht, was Sie als Psychotherapeuten von o.g. Experten unterscheidet. Für diese sind Sie nur ein weiterer Mensch, der versucht ihnen »Hoffnung zu machen, obwohl Sie ja eigentlich nur Geld verdienen wollen«. Auch diese Betroffenen meinen es nicht böse, sie sind nur frustriert und resigniert.

Vorschlag. »Die Patienten mit chronischen körperlichen Beschwerden, die ich kennen gelernt habe, sind nach all den Jahren erfolgloser Suche nach Hilfe oft sehr frustriert. Manchmal haben sie die Hoffnung fast aufgegeben, dass irgendetwas noch helfen könnte. Jetzt sitzen Sie hier bei mir und fragen sich vielleicht, ob das noch Sinn hat.« … »Nach dem, was ich bis jetzt von Ihnen weiß, wäre das, was wir hier machen würden, allerdings noch einmal etwas anderes. Zwar könnte es hier manchmal ein wenig anstrengend werden, denn ich brauche Sie als offenen und ehrlichen Gesprächspartner, um Ihnen mit Ihren Beschwerden zu helfen. Auf der anderen Seite aber zeigt die Forschung der letzten 20 Jahre klar, dass es eindeutig sinnvoll ist, es bei chronischen körperlichen Beschwerden mit einer modernen Psychotherapie zu versuchen.«

Der veränderungsängstliche Patient: »Das einzige, was mir noch hilft, ist die Rente.«

Phänomen. Ein substanzieller Teil von Patienten mit somatoformen Störungen sieht für sich als einzige Lösung für die Zukunft eine deutliche Erleichterung der Lebensumstände. In der Regel ist damit ein Rentenwunsch oder ein bereits gestellter, womöglich im ersten Anlauf abgelehnter, Rentenantrag gemeint. Im Gegensatz zu den beiden o.g. Komplikationen ist dieses Problem oft eingangs nicht ersichtlich, weil Patienten mit einem Rentenbegehren dies ungern offen aussprechen. Es empfiehlt sich deshalb immer, im Erstgespräch auch Informationen über den beruflichen Status etc. einzuholen und ggf. ganz direkt nach einem bestehenden Rentenwunsch zu fragen.

Erklärung. Der Wunsch, dass das Leben leichter werden soll, wenn man schon jahrelang erheblich durch körperliche Beschwerden belastet ist, ist prinzipiell nachvollziehbar. Auch tragen ungünstige berufliche Bedingungen (bzw. der Umgang damit) noch dazu bei, dass sich körperliche Beschwerden verstärken können – selbstverständlich wird dies moduliert über die psychologischen Prozesse Aufmerksamkeitszuwendung, ungünstige Bewertung und ungünstige behaviorale Bewältigungsversuche. Problematisch an dieser Hoffnung ist allerdings, dass diese einer Veränderung im Wege stehen kann: Jemand, der als nicht mehr berufsfähig eingeschätzt werden möchte, hat auch Nachteile, wenn er durch eine erfolgreiche Psychotherapie wieder belastbarer wird. Selbstverständlich ist ein bestehendes Rentenbegehren allein kein Grund, einem somatoformen Patienten ein Therapieangebot abzuschlagen. Es empfiehlt sich aber eine aufmerksam-kritische Haltung und ein offener Umgang mit dem Konflikt.

Vorschlag. »Eine ganze Reihe meiner Patienten sehen keinen anderen Ausweg mehr als die Rente. Das kann ich gut verstehen, wenn man das Gefühl hat, dass es mit den körperlichen Beschwerden einfach nicht mehr geht … Allerdings sind Sie meines Erachtens in einer ganz schön schwierigen Lage. Und wenn ich mit Ihnen eine Therapie anfange, bin ich es mit Ihnen vermutlich auch, um ehrlich zu sein. Möchten Sie wissen, warum? … Und zwar glaube ich, dass Sie in einem schwierigen Konflikt stehen. Sie haben zwei Ziele, die sich gegenseitig widersprechen. Ziel 1 ist, dass Sie hier mit mir gemeinsam etwas dafür tun wollen, dass es Ihnen wieder besser geht und Sie wieder belastbarer werden. Ist das richtig so? … Ziel 2 ist, dass Ihr Leben dadurch leichter wird, dass Sie nicht mehr arbeiten müssen und Ihnen bescheinigt wird, dass Sie nicht mehr belastbar sind. Verstehen Sie, was ich daran für Sie so schwierig finde? … Was machen wir denn jetzt mit Ziel 1 – also damit, dass Sie mit mir gemeinsam daran arbeiten, wieder fitter zu werden?«

© Leseprobe aus: Therapie-Tools Somatoforme Störungen von Maria Kleinstäuber, Gaby Bleichhardt, Japhia-Marie Gottschalk, Winfried Rief, erschienen bei Beltz.
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