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Alles unter Anspannung? Mit Psychoedukation Emotionen verstehen und regulieren lernen

Überschießende Emotionen und Anspannungszustände begegnen uns bei vielen psychischen Erkrankungen – sie sind ein transdiagnostisches Phänomen. Die Folgen extremer emotionaler Zustände reichen von Beziehungskonflikten über Muskelverspannungen bis hin zu Schwierigkeiten am Arbeitsplatz. Um entsprechenden Konsequenzen aus dem Weg zu gehen, entwickeln viele Betroffene dysfunktionale Bewältigungsstrategien, wie z.B. Vermeidung, Dissoziation oder Selbstverletzung. Andere grübeln lange über die entstandenen Konflikte oder entwickeln katastrophale Annahmen über zukünftige Ereignisse. Bei all dem wird oftmals kein bedürfnisbefriedigender Weg gefunden, um mit den Konfliktsituationen umzugehen. Nicht selten ist es diese Ratlosigkeit, die den Leidensdruck vergrößert und unsere Patient:innen motiviert, eine Therapie aufzusuchen. Dort angelangt, steht meist zunächst die Validierung der Bedürfnisse und Normalisierung der Emotionen im Fokus.

Die Funktionen von Emotionen

Dies gelingt am besten, indem die Patient:innen dabei unterstützt werden, ihre intensiven und unangenehmen Emotionen als Extremausprägung normaler und hilfreicher Erlebenszustände zu verstehen. Hierfür ist es wichtig, zunächst zu besprechen, welche wertvollen Funktionen Emotionen im Alltag für uns erfüllen:

  • Emotionen teilen uns selbst (Gefühl) und anderen (Mimik und Gestik) das Ergebnis eines Bewertungsprozesses mit (z.B. »Meine gerunzelte Stirn zeigt dem Vordrängler an der Supermarktkasse, dass er meine Grenzen verletzt und ich das nicht hinnehmen werde«).
  • Emotionen aktivieren Verhaltenspläne, die uns einen bedürfnisbefriedigenden Umgang mit der Situation ermöglichen sollen (z.B. »Ich werde ihm sagen, dass ich sein Verhalten nicht gutheiße und auf meinen Platz in der Schlange bestehen«)
  • Emotionen leiten Körperreaktionen ein, die uns dabei helfen sollen, die aktivierten Verhaltenspläne umzusetzen (z.B. »Mein Körper bereitet sich auf die Auseinandersetzung vor, indem er die Herzfrequenz und die Atemaktivität steigert«).

Hierbei ist es oft hilfreich, eine evolutionspsychologische Perspektive einzunehmen. Für viele Patient:innen ist es intuitiv verständlich, dass Emotionen schon deshalb prinzipiell hilfreich sein müssen, weil die Evolution sie fest ist das Erlebensrepertoire aller Säugetiere integriert hat (»Schon in der Steinzeit war Angst vor dem Säbelzahntiger notwendig, um Gefahren zu identifizieren und uns am Leben zu erhalten“). In einem nächsten Schritt profitieren Patient:innen oft besonders davon, alltagsrelevante Emotionen näher zu betrachten. Häufig stehen hier Ärger, Scham, Angst oder der Verlust von Freude im Vordergrund.

  • Freude ist eine Emotion, die auftritt, wenn etwas (unerwartet) Positives passiert. Freude motiviert uns dazu, uns anzunähern - an Personen, Dinge oder Situationen.
  • Angst tritt auf, wenn etwas als bedrohlich eingeschätzt wird und bahnt Vermeidungsverhalten. Ist Vermeidung unmöglich, wird Kampfverhalten oder Erstarren eingeleitet.
  • Ärger entsteht, wenn Grenzen verletzt werden oder Autonomie eingeschränkt wird. Ärger aktiviert Verhalten, das dabei helfen soll, Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die die Ausführung von Annäherungs- oder Vermeidungsplänen blockieren.
  • Scham ist eine besondere Form von Angst, die erst spät in der Evolution aufgetreten ist und vermutlich nur von Menschen und anderen Primatenarten empfunden werden kann. Sie tritt auf, wenn befürchtet wird den Standards einer Gruppe nicht gerecht zu werden und dadurch der soziale Rang oder die Gruppenzugehörigkeit zu gefährden.

Förderlich ist es, die »trockene Theorie« mit Leben zu füllen und gezielt Beispiele und Erfahrungen aus dem Alltag der Patient:innen zu integrieren. Im Anschluss kann erarbeitet werden, dass nicht das Auftreten von Emotionen per se, sondern deren zu hohe oder zu niedrige Intensität zu Problemen führt. Dabei kann zum Beispiel so vorgegangen werden: »Angenommen, jemand wäre völlig schamlos. Wie würde sich eine solche Person verhalten? [...] Hätte dieses Verhalten negative Konsequenzen? [...] Wie würden andere Menschen auf diese Person reagieren? [...] Nehmen wir an, das Gegenteil wäre der Fall – also jemand würde sich sehr schnell, beinahe für alles schämen. Wie würde sich diese Person verhalten?« Durch diese Exploration wird klar, dass sowohl zu starke als auch zu schwache emotionale Zustände Nachteile haben. Patient:innen wird es so erleichtert, eigene Emotionen anzunehmen und als normalen Bestandteil des Leben zu akzeptieren. Statt einer generellen Ablehnung des eigenen emotionalen Erlebens rückt die Frage nach der zielführenden Regulation von Emotionen in den Fokus.

Die Regulation von Emotionen

Emotionen können so laut und intensiv werden, dass sie ihre Funktion nicht mehr erfüllen können. Wenn Personen vor Angst wie gelähmt sind, vor Wut rotsehen oder Scham so stark wird, dass sie zu dem sozialen Ausschluss beiträgt, den sie verhindern soll. Emotionsregulation bezeichnet die Fähigkeit, die Art, Dauer und Intensität von Emotionen zielgerichtet zu beeinflussen. Obwohl zahlreiche Forschungsbefunde zeigen, dass es Strategien gibt, die eher mit eher zum Erhalt des psychischen Wohlbefindens beitragen (z.B. Akzeptieren, problemlösendes Handeln) als andere (z.B. Perseverieren, Vermeidung) sollte mit den Patient:innen besprochen werden, dass die Nützlichkeit einer Strategie von den Spezifika der jeweiligen Situation abhängig ist:

  • Problemlösendes Handeln – als Alternative zur Vermeidung – ist eine hilfreiche Strategie, wenn es Patient:innen mit einer veränderbaren Situation zu tun haben, auf die sie willentlich Einfluss ausüben können.
  • Akzeptieren ist hingegen notwendig, wenn eine Situation nicht (mehr) verändert werden kann oder wenn die Veränderung der Situation außerhalb des eigenen Einflusses liegt. Gelang es den Patient:innen bislang nicht, eine unveränderliche Situation zu akzeptieren, resultiert das zumeist in Perseveration, z.B. in Form von Grübeln.
  • Umbewertung, das heißt, neue Blickwinkel für die eigene Situation einnehmen und abwägen, ist häufig ein notwendiger Zwischenschritt, um problemlösendes Handeln oder Akzeptieren vorzubereiten. Umbewerten kann etwa durch die Arbeit mit dem ABC-Modell gefördert werden. Das ist vor allem dann angezeigt, wenn Patient:innen zu katastrophisierenden Gedanken, Übergeneralisieren oder anderen kognitiven Verzerrungen neigen.
  • Skills können immer dann eingesetzt werden, wenn die Anspannung so groß ist, dass sie problemlösendes Handeln, Akzeptieren oder Umbewerten verhindert. Die Vermittlung von Skills ist prioritär, wenn Patient:innen unter Anspannungszuständen leiden, die zu Dissoziation, Selbstverletzung oder Substanzmissbrauch führen.

Wichtig ist, dass auch Strategien, die häufig als »dysfunktional« betrachtet werden (z.B. Vermeidung oder das Unterdrücken von Emotionen) kurzfristig hilfreich sein können. So kann es bspw. bei einem Bewerbungsgespräch hilfreich sein, seine Nervosität nicht offen zu zeigen. Daher ist es wichtig, die Psychoedukation zu Emotionsregulationsstrategien nicht als »Frontalunterricht« misszuverstehen. Stattdessen sollte die Vermittlung der notwendigen Informationen durch Situationsanalysen mit dem Alltag der Patient:innen verknüpft und um weitere Behandlungselemente ergänzt werden (z.B. geleitetes Entdecken, komplementäre Beziehungsgestaltung).

Autor

Portrait Schanz

Dr. Christian G. Schanz (M.Sc. Psychologie) ist Psychologischer Psychotherapeut (VT) in Ausbildung und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität des Saarlandes. Als Lehrkoordinator organisiert er gemeinsam mit seinen Kolleg:innen die Konzeption der Lehrinhalte des Bachelor- und Masterstudiengangs mit Schwerpunkt Psychotherapie an der Universität des Saarlandes.

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